Liebe Jenny,
Mein Gynäkologe hatte mir vor Jahren Utrogest verschrieben und gemeint, damit werde ich die Migräne sicher los.
Na ja, hat nicht so ganz geklappt, im Gegenteil hatte ich zu dieser Zeit sogar stärkere Attacken.
Prof. Göbel hatte im alten Forum am 23.12.2006 folgendes zur menstruellen Migräne und Hormongabe geschrieben:
“Der Begriff der menstruellen Migräne findet sich in vielen Texten zum Thema Kopfschmerz. Er scheint so selbstverständlich, dass ihn lange Jahre kaum jemand in Frage gestellt hat. Teilweise glaubte man, dass die Migräne überhaupt immer mit der Menstruation in irgendeiner Weise im Zusammenhang zu sehen ist. Migräne wurde als Frauenkrankheit aufgefaßt. Entsprechend wurde die Frauenheilkunde auch als ein primärer Ansprechpartner im Rahmen einer Migränetherapie angesehen.
Forschungsergebnisse haben jedoch gezeigt, dass diese als selbstverständlich angesehene Verbindung zwischen Hormonen, Menstruation, Schwangerschaft, Menopause, Antibabypille und Migräne relativiert werden muss.
Die Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft führt den Begriff der menstruellen Migräne nicht auf. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass die Kopfschmerzdiagnostik sich auf die Phänomenologie bezieht, nicht jedoch auf mögliche vermutete Ursachen. Andererseits ließe sich natürlich ein Begriff der menstruellen Migräne auch phänomenologisch definieren; es zeigt sich jedoch, dass Migräneattacken, die ausschließlich während der Menstruation ablaufen, eine extrem große Seltenheit darstellen. Die Betroffenen erinnern sich nach ausführlicher Befragung in der Regel daran, dass sie nicht nur ausschließlich während der Menstruation an Migräneattacken leiden, sondern auch zu anderen Zeiten im Zyklus.
Was unter menstrueller Migräne zu verstehen ist, bleibt jedem selbst überlassen, der Begriff ist nirgendwo exakt definiert. Einige Autoren scheinen zu glauben, dass die Leser die Definition schon selbst wissen, und geben überhaupt keine nähere Spezifikation an, was unter menstrueller Migräne zu verstehen ist. In anderen Berichten wird davon ausgegangen, dass eine menstruelle Migräne die Kopfschmerzattacken sind, bei denen die Frauen annehmen, dass die Menstruation mit der Migräne in irgendeinem Zusammenhang steht. Solche angenommenen Zusammenhänge durch die Betroffenen finden sich in unterschiedlichen Studien im Ausmaß zwischen 8 % und 70 %.
Will man nicht den zeitlichen Zusammenhang generell definieren, also eine Montags-, Dienstags-, Mittwochs- etc. Migräne definieren, so würde der Begriff einer menstruellen Migräne nur dann sinnvoll sein, wenn man Migräneattacken, die ausschließlich in Verbindung mit der Menstruation auftreten, als solche bezeichnen würde. Aber auch in diesem Zusammenhang bekommt man definitorische Schwierigkeiten. Der Zeitraum vor und nach der Menstruation muß exakt definiert werden. Dehnt man diese Zeitspanne nicht willkürlich aus und läßt drei Tage vor und drei Tage nach der Menstruation als entsprechenden Zeitraum zu, zeigt sich, dass maximal eine von zwanzig Frauen, die die Kriterien der Migräne erfüllen, in diese Gruppe zu subsumieren ist. Es zeigt sich also, dass der Begriff der menstruellen Migräne nur für einen geringen Teil der betroffenen Patientinnen anzuwenden ist.
Ein Zusammenhang mit dem sogenannten prämenstruellen Syndrom ist bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Dieses prämenstruelle Syndrom, charakterisiert durch Unterleibsschmerzen, Schwäche, sowie weitere psychovegetative Symptome, zeigt sich ca. zwei bis drei Tage vor der Menstruation. Die Migräneattacken im zeitlichen Zusammenhang mit der Menstruation unterscheiden sich nicht von den sonstigen Attacken.
Häufig wird unter einer menstruellen Migräne auch eine besonders schwere und lang andauernde Attacke verstanden, die mit besonders starker Übelkeit und Erbrechen assoziiert ist. Allerdings kann jede Form der Migräne, mit oder ohne Aura, während der Menstruation auftreten. Ist die Menstruation tatsächlich ein Auslösefaktor, so zeigt sich, dass meist zwei Tage vor der Menstruation die Migräneattacke generiert wird.
Bei den Patientinnen, bei denen tatsächlich ausschließlich während der Menstruation Migräneattacken auftreten, findet sich ein festes zeitliches Verhältnis zwischen der Auftretenszeit und der Menstruationszeit. Allerdings kann bei anderen Frauen dieses zeitliche Verhältnis locker sein und die Migräneattacke in unterschiedlichem Zeitabstand zur Menstruation auftreten.
Aus klinischen und experimentellen Studien ist bekannt, dass der Auslösefaktor der Migräne im Zusammenhang mit der Menstruation in einem Abfall des Östrogenspiegels und des Progesteronspiegels zu finden ist. Bei entsprechend empfindlichen Frauen kann der Auslösung der Migräne durch die Gabe von Östrogen vorgebeugt werden. Die Gabe von Progesteron kann jedoch nach Studienergebnissen nicht die Migräneattacke verhindern. Entsprechend kann vermutlich der Abfall des Plasmaöstradiolspiegels für die Generierung der Migräneattacke verantwortlich gemacht werden. Die absoluten Hormonspiegel scheinen dagegen nicht von Bedeutung zu sein. In unterschiedlichen Studien konnte kein fester Zusammenhang zwischen der absoluten Konzentration der verschiedenen Hormone und der Auslösung von Migräneattacken aufgedeckt werden.
Weitergehende Analysen der Hormonkonzentrationen ergaben bisher keine einheitliche Meinung zur Bedeutung der verschiedenen Hormone für die Auslösung der Migräneattacken. Weder das follikelstimulierende Hormon noch das luteinisierende Hormon (LH)unterscheiden sich zwischen Patientinnen, die an einer menstruell gebundenen Migräne leiden und gesunden Kontrollgruppen. Als mögliche Ursache der Kopfschmerzauslösung während des Östradiolabfalls wurde ein Effekt des Hormons auf die vaskuläre Reaktivität angenommen, wobei eine Vasodilatation aufgrund der geringeren Hormonkonzentration verantwortlich gemacht wurde.
Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs mit der Menstruation lag es in früheren Jahren nahe, hormonelle Therapieverfahren einzusetzen. Aufgrund der Verbindungen zwischen der Östrogenkonzentration und der Migränegenerierung wurde früher die Gabe von Östrogen drei bis zehn Tage vor der Menstruation
empfohlen. Allerdings zeigte sich, dass damit der Zeitpunkt des Eintretens der Migräneattacke nur verschoben wird, bis der natürliche Abfall wiederum auftritt. Die Gabe von transdermalen Hormonpflastern hat sich in kontrollierten Studien als nicht effektiv erwiesen. Gleiches gilt für die orale Gabe von Östrogenen.
Der Einsatz von Östrogen in Form von einem auf die Haut auftragbaren Gel hat sich in placebokontrollierten Doppelblindstudien als wirksam erwiesen. Das Gel wird zwei Tage vor der erwarteten Migräneattacke aufgetragen und in den nächsten sieben Tagen weiter angewendet.
Durch diese einfache Maßnahme kann bei den betroffenen Patientinnen mit großer Zuverlässigkeit die Auslösung der Migräneattacke verhindert werden. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass tatsächlich dieser enge, ausschließliche Zusammenhang zwischen dem Hormonspiegelabfall und der Migräneattacke besteht. Dieses ist, wie bereits dargelegt, nur bei wenigen Ausnahmen der Fall.”
Ich hoffe, diese ausführliche Erklärung hilft Dir weiter.
Liebe Grüße
Bettina